Ein "Macher" im besten Sinne
Zum Tod von Heinz-Günter Kämpgen
Ein „Macher“ im besten Sinne – zum Tod von Heinz-Günter Kämpgen
Er hätte so gerne im kommenden Dezember seinen 90. Geburtstag gefeiert. Nun ist Heinz-Günter Kämpgen am Palmsonntag an den Folgen eines schweren Treppensturzes gestorben.
Was Heinz-Günter Kämpgen für die Christuskirche bedeutet hat, lässt sich nicht in wenigen Worten beschreiben.
26 Jahre war er Mitglied im Ältestenkreis, von 2007 bis 2013 als Vorsitzender. Dass er in diesem ganzen Zeitraum so viel bewegen wollte und bewegen konnte, lag an zwei glücklichen Umständen.
Der eine: „Mister Siemens“ leitete von 1984 bis 1994 die Siemens-Niederlassung in Mannheim und blieb hier auch wohnen, als er Chef der Siemens-Region Rhein-Main mit Sitz in Frankfurt wurde. Mannheim geriet dadurch nie aus seinem Blick. Und damit verbunden der zweite glückliche Umstand:
Seine Liebe für die Christuskirche, der er sich mit seiner Frau von Anfang an verbunden fühlte. Beides miteinander zu verzahnen, Mannheim und die Kirche – besonders die Christuskirche –, das war Heinz Kämpgen bis vor wenigen Jahren ein Herzensanliegen.
Sein rheinisches Naturell befähigte den in Mülheim an der Ruhr Geborenen, schnell Kontakte zu finden und Netzwerke zu knüpfen. Natürlich freute er sich, wenn von dem, was er dadurch erreichte, auch ein wenig Glanz auf ihn persönlich fiel.
Aber primär war für ihn etwas anderes. Er sah sich in der Verantwortung, das als Wirtschaftsführer erworbene Knowhow auch nach Beginn seines Ruhestandes für Kirche und Gesellschaft nutzbar zu machen, und zwar für Mannheim! Schnell war ihm klar, dass man an evangelischem Kirchenleben Interessierte und damit auch potenzielle Sponsoren nur gewinnen könnte, wenn man zu Vereinen und Organisationen gehörte, die in der Stadt relevant waren:
Hochschulrat der Musikhochschule, Vorsitz im Beirat der Freunde des Nationaltheaters, Lions Club, Räuberhöhle, Löwenjäger u.a.
Hier kam er mit unterschiedlichsten Menschen zusammen und bekam so ein Gespür dafür, wo Unterstützung nottat und wer unterstützen konnte.
Nicht von ungefähr waren ihm die Projekte am liebsten, die sowohl einen gesellschaftlich-kulturellen Aspekt hatten als auch einen kirchlichen. Dazu einige Beispiele: Als der im Krieg zerstörte Hochaltar der Jesuitenkirche rekonstruiert und 1997 geweiht wurde, konnte Heinz Kämpgen viele bekannte Firmen und Einzelpersonen aus dem evangelischen Bereich für eine finanzielle Beteiligung gewinnen.
Oder der von der Caritas eingerichtete Integrationsbetrieb „ad laborem“, der Arbeitslose wieder in das reguläre Arbeitsleben eingliederte. Kämpgen saß jahrelang ehrenamtlich im Aufsichtsrat und beschaffte Aufträge mithilfe ihm bekannter CEOs, wie etwa die Herstellung von Kabelbäumen, die das Mercedes-Werk in Mannheim orderte. 2012 wurde dem Protestanten dafür vom damaligen Monsignore Schroff die silberne Ehrennadel überreicht – auch in einer schon damals für die Ökumene offenen Stadt keine Selbstverständlichkeit!
Sein wichtigstes evangelisches „Kind“ war sicherlich das „Evangelische Forum“, das er 1999 mit dem damaligen Dekan Günter Eitenmüller und Dr. Michael Wegner gründete, dem Vorsitzenden des Ältestenkreises. Mit einer qualifizierten Vortragsreihe zu relevanten Themen sollte die Evangelische Kirche in Mannheim in der Öffentlichkeit intensiver wahrgenommen werden als bisher. Es gelang, dafür drei- bis viermal im Jahr Meinungs- und Leistungsträger aus der Region und weit darüber hinaus zu gewinnen – z.B. den damaligen Vorsitzenden der EKD Wolfgang Huber, den Aufsichtsratsvorsitzenden der BASF Jürgen Strube oder Reinhard Höppner, den Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt.
Und dann war da ja noch „seine“ Christuskirche. Er fand Sponsoren, die die Finanzierung der Innenbeleuchtung unterstützten, etwas später war die Außenbeleuchtung dran, der Engel auf dem Turm musste vergoldet werden, die Stadtverwaltung war zu überzeugen, dass sie ihren Beitrag zur Errichtung des barrierefreien Zugangs in die größte evangelische Kirche Mannheims zu leisten habe, und auch um Gelder für die Generalsanierung der Steinmeyer-Orgel konnte Heinz Kämpgen sich erfolgreich kümmern.
Was Wunder, dass ihm für sein jahrzehntelanges Wirken 2014 die Konkordien-Medaille verliehen wurde, die höchste Auszeichnung der Evangelischen Kirche in Mannheim. Mindestens genauso hat es ihn gefreut, dass er 2011 das große Fest zum 100-jährigen Geburtstag der Christuskirche in allen Einzelheiten planen und realisieren konnte. Da war der „Macher“ in seinem Element!
Es ging ihm aber nicht nur um „machen“, sondern auch um „tun“. Jahrelang hat er sich zusammen mit seiner Frau um eine alleinstehende Dame aus der Gemeinde gekümmert, zunächst nur beratend, später, als sie hinfällig geworden war, vor allem in vielen Stunden tätiger Fürsorge.
Eine besondere Herausforderung war für Heinz Kämpgen die Fusion von Christus- und Friedenskirche, die sich seit 2012 angebahnt hatte. Er erfasste schnell, dass es besser war, den Prozess von Anfang an mitzugestalten, als sich von Entscheidungen der EKMA überrollen zu lassen. Den Ältestenkreis konnte er recht schnell überzeugen – da kam ihm auch seine Eloquenz zu Hilfe und die Fähigkeit, lange und hin und wieder auch in größerer Lautstärke auf die Ältesten einzureden –, aber in der Gemeinde stieß er zunächst nicht nur auf Gegenliebe.
Als die Fusion dann aber im Juli 2013 vollzogen wurde, schaffte er in kurzer Zeit dank seiner geschickten Moderation und zusammen mit den beiden Ältestenkreisen ein gelingendes Miteinander. Auch dafür wurde er 2014 zusammen mit Dieter Scheuermann, dem Vorsitzenden des Ältestenkreises der Friedenskirche, mit dem „Engel der ChristusFriedenGemeinde“ ausgezeichnet.
In Zusammenhang mit seinem 80. Geburtstag hat Heinz-Günter Kämpgen gesagt, alles in seinem Leben habe er als Glück angesehen. Das ist eine erstaunliche Aussage für ein 1936 geborenes „Kriegskind“, dessen Vater in den letzten Kriegsmonaten an der Ostfront als vermisst gemeldet wurde und der sich mit Mutter und jüngerem Bruder im kriegszerstörten Ruhrgebiet durchschlagen musste.
Aber er präzisierte seine Aussage: Seine Mutter schaffte es, ihn die Mittlere Reife machen zu lassen – was monatlich 20 DM Schulgeld kostete –, er fand eine hervorragende Lehrstelle als Industriekaufmann bei Siemens & Halske und blieb sein ganzes Berufsleben bei Siemens, wo ihm ein Aufstieg in Positionen gelang, wie er heute undenkbar wäre.
Seine Frau Ingeborg hat nicht wenig zu seinem Lebensglück beigetragen. Ihre Ausgeglichenheit und Fröhlichkeit schufen der Familie mit den drei Kindern ein schönes Zuhause, sie organisierte die Umzüge, wenn wieder einmal mit einer Höherqualifizierung ein Ortswechsel verbunden war, sie fand sich schnell in völlig neue Lebenswelten ein, etwa in Südafrika, und war dann mit ihrem Heinz zusammen „Siemens“. Die größer gewordene Familie mit vier Enkelkindern war beider ganze Freude.
Am 18. April wurde Heinz-Günter Kämpgen in seiner Christuskirche in einem großen Trauergottesdienst verabschiedet, den der frühere Pfarrer der Christuskirche Stefan Scholpp gestaltete, zu dem das Ehepaar Kämpgen bis zu seiner Berufung als Domprediger in Berlin immer ein enges Verhältnis hatte. In seiner Ansprache wurde deutlich, dass die Christuskirche, die Kirchenmusik an der Christuskirche, die Evangelische Kirche in Mannheim und die Stadt einen wichtigen Ratgeber verloren haben, an den sie sich immer dankbar erinnern werden.
Dr. Brigitte Hohlfeld
Vorsitzende des Ältestenkreises der Gemeinde Mitte



